Gibt es eine objektive Realität?

Gibt es eine objektive Realität, also eine Realität, die vollkommen unabhängig davon ist, ob ein Mensch oder ein anderes Lebewesen sie beobachtet?

Natürlich, werden die meisten sagen, denn das ist unsere Alltagserfahrung. Stelle ich heute einen Stuhl an eine bestimmte Stelle des Zimmers, dann steht er morgen immer noch dort, egal, ob ich ihn die ganze Nacht hindurch beobachtet habe oder ob ich weggeschaut habe. Er ist objektiv, also unabhängig von einem Beobachter, dort. Obwohl wir nicht hingeschaut haben, gehen wir davon aus, dass der Stuhl während der ganzen Zeit objektiv an derselben Stelle stand. Prof. Dr. A. Zeilinger aus Wien nennt diese Ansicht den „naiven Realismus“.

Etwas anderes ist, wenn es sich nicht um ein materielles Objekt wie der Stuhl handelt, sondern um ein Lebewesen mit Bewusstsein. Wenn deine Tochter abends um 23 Uhr und morgends um 6 Uhr in ihrem Bett liegt, bedeutet das keineswegs, dass sie während der ganzen Zeit dazwischen ebenfalls in ihrem Bett lag.

Existiert der Mond auch dann, wenn keiner hinsieht?

Bei einer Diskussion über die Natur der Dinge im Licht der Quantenphysik stellte Einstein diese Frage an Nils Bohr. Einstein ging davon aus, dass es eine Selbstverständlichkeit sei, dass der Mond während der ganzen Zeit am Himmel steht, egal ob wir hinschauen oder nicht. Nils Bohr aber antwortete: „Können Sie mir das Gegenteil beweisen? Können Sie mir beweisen, dass der Mond da ist, wenn Sie nicht hinsehen? Das ist nicht möglich.“

Um 1927 ging eine Gruppe von Physikern von einer realistischen beobachterunabhängigen Wirklichkeit aus und vermuteten einen Fehler in der Quantentheorie, eine vergessene Variable, deren Korrektur die Wirklichkeit wiederherstellen würde. Dazu gehörten Louis de Broglie, Paul Ehrenfest, Albert Einstein, Max Planck und Erwin Schrödinger. Andere sagten, dass die Realität tatssächlich anders ist, als wie wir sie uns vorstellen. Das ist die Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik, dazu gehörten Niels Bohr, Max Born, Paul Dirac, Werner Heisenberg, Pascual Jordan und Wolfgang Pauli. Dementsprechend wurde bis heute kein Fehler in der Quantenmechanik entdeckt, es wurden vielmehr zahlreiche Aspekte der Quantenmechanik experimentell bestätigt.

Die kleinsten Teilchen unserer Materie existieren nicht als Ding, solange sie nicht beobachtet werden. Das Elektron auf seiner Umlaufbahn um den Atomkern (siehe Unschärferelation) oder das Photon vor dem Doppelspalt existiert als Wahrscheinlichkeitsfunktion: zu 50% Wahrscheinlichkeit fliegt es genau in der Mitte, zu 20% etwas weiter links usw. Erst die Beobachtung, der Gewinn von Information macht die Teilchen zu „objektiven“ Dingen mit festgelegten Charakteristika in Raum und Zeit: das Messen der Geschwindigkeit des Elektrons, das Feststellen, durch welchen Spalt das Photon fliegt usw. Das bedeutet aber auch, dass die materiellen Dinge nur infolge unserer Beobachtung bzw. unseres Informationsgewinns existieren.

Die Experimente beziehen sich auf die allerkleinsten Teilchen. Viele Physiker gehen daher bei grossen zusammengesetzten Teilen wie z.B. ein Makromolekül oder einem Stein davon aus, dass dieses sich verhält wie unser herkömmliches klassisches Denken. Aber wenn man konsequent ist, dann gilt: alle Einzelteile existieren nur durch unser Bewusstsein, also kann der Gesamtgegenstand nicht ohne Bewusstsein existieren und stellt keine absolute Objektivität unabhängig von einem Bewusstsein dar.

Erwin Schrödinger hat in seinem philosophischen Testament, seinem Werk „Meine Weltansicht“ diesen Gedanken konsequent zu Ende gedacht und kam zu der Annahme, dass alles, eingeschlossen wir Menschen, Teil eines einzigen Bewusstseins sein muss. Damit nähert er sich manchen religiösen Vorstellungen an, insbesondere der des Pantheismus.

Das bedeutet aber: es gibt keine objektive Realität, das ist eine Illusion. Die Realität kommt aus unserem Bewusstsein. Kreiert unser Bewusstsein die Realität?

Auf jeden Fall ist die Grundlage unserer Welt nicht die Materie, sondern entweder – das sagen die Physiker – die Information, oder – so sagen Philosophen und Esoteriker – das Bewusstsein.

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