Teufelswerk?

„Teufelswerk“ – das sagen manche Christen zu den Nahtod-Erlebnissen. Diese Seite ist daher für diejenigen, welche in einer christlichen Tradition stehen und Probleme mit Nahtod-Erlebnissen haben, die elementare Widersprüche zwischen ihrer Glaubenslehre und dem, was Nahtod-Erfahrene berichten, zu sehen glauben.

Manche christliche Glaubensrichtungen begrüssen die Nahtod-Erlebnisse und setzen sie sogar für eigene Zwecke wie zum Beispiel Evangelisierung/Missionierung ein, Beispiele kann man leicht auf Youtube finden.

Andere christliche Glaubensrichtungen lehnen Nahtod-Erlebnisse strikt ab. Sie bezeichnen sie als „Halluzinationen, die durch den Teufel verursacht werden, um die Leute vom Glauben abzubringen“.

Verwunderlich ist das schon, denn Menschen, die ein Nahtod-Erlebnis durchgemacht haben, leben danach in der Regel intensiver, positiver, glauben eher an Gott und an eine unsterbliche Seele und sind durchweg religiöser. Dies zeigen zahlreiche Statistiken, beschrieben zum Beispiel durch Pim van Lommel im Kapitel 4 „Veränderung durch Nahtod-Erfahrungen“ seines Buches „Endloses Bewusstsein“ und durch Kenneth Ring in seinem Buch „Im Angesicht des Lichtes“. Was wollte also der Teufel, sofern es ihn gibt, mit dieser sogenannten „Halluzination“ erreichen? Wenn Glaubensrichtungen ihren Anhängern, die eine Nahtod Erfahrung gemacht haben, einreden, dies sei ein Teufelswerk und man müsse Abstand davon nehmen, lösen sie damit jedenfalls tiefe Schuldgefühle bei diesen Menschen aus und zwingen sie zur Verdrängung und zum Schweigen.

Mögliche Gründe für die Verteufelung

Dummerweise ist die Religiosität von Nahtoderfahrenen aber eher eine tiefe persönliche Religiosität, sie engagieren sich weniger in organisierten Gemeinden und verlassen teilweise die Kirchenbindung. Das stört natürlich. Ausserdem sind die meisten Nahtod-Erfahrungen positiv, Andersgläubige und sogar Atheisten bekommen einen „Einblick in den Himmel“, so als ob schlussendlich jeder in den Himmel kommt und so dass die Menschen die Angst vor dem Tod und insbesondere auch die Angst vor dem letzten Gericht und vor der ewigen Höllenstrafe verlieren. Dies stört noch viel mehr.

Ich frage mich hier: braucht eine wahre Religion wirklich das Prinzip des Androhens von Höllenqualen, also die Erziehung durch Zuckerbrot und Peitsche? Wäre nicht vielleicht eine Religion aus dem Herzen heraus, eine Religion aus Liebe zu Gott heraus und aus Liebe zu Menschen heraus, viel sinnvoller?

Die Nahtod-Erfahrung des Apostels Paulus

Meist sind es evangelikale Glaubensrichtungen, also Glaubensformen, die die Bibel eng und wörtlich auslegen. Ich halte persönlich eine solche Auslegung für falsch, möchte aber versuchen, auf dieser Ebene zu antworten:

Wie begründen diese Glaubensrichtungen nun ihre Interpretation? Ich habe kürzlich in einem evangelikalen Flugblatt gelesen, Jesus habe selbst verboten, dass man mit Toten rede. Dies ist gelogen. Ich habe die Bibel durchgelesen, das alte und das neue Testament, und im Neuen Testament steht nichts davon.

Vielmehr beschreibt Paulus im 2. Korinther-Brief eine Nahtod-Erfahrung, die er höchstwahrscheinlich selbst gehabt hat und die er „eine Offenbarung des HERRN“ nennt (Vers 1!!). 2. Kor 12,2-4 (Gute-Nachricht-Übersetzung):

(2) Ich kenne einen mit Christus verbundenen Menschen, der vor vierzehn Jahren in den dritten Himmel versetzt wurde. Ich bin nicht sicher, ob er körperlich dort war oder nur im Geist; das weiß nur Gott. (3-4) Jedenfalls weiß ich, dass diese Person ins Paradies versetzt wurde, ob körperlich oder nur im Geist, das weiß nur Gott. Dort hörte sie geheimnisvolle Worte, die kein Mensch aussprechen kann.

Im Vers 5-7 beschreibt Paulus, dass er mit dieser Offenbarung nicht prahlen will. Dieser Mensch, über den er berichtet, ist also er selbst, und es ist ein rhetorisches Mittel, dass er das zunächst vornehm als die Erfahrung eines anderen Menschen beschreibt, um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Paulus war sich offenbar unsicher, wie die Korinther das aufnehmen würden, dass er ausserhalb seines Körpers war, und er zog sich daher geschickt aus der Affäre (Luther-Übersetzung:)“ ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es“, um sein ausserkörperliches Erlebnis zu beschreiben.

Wenn also Paulus, der wichtigste Apostel bei der Verbreitung des Christentums, selbst ein solches Erlebnis hatte und dies als Offenbarung Gottes beschreibt, dann kann das wohl kaum ein „Teufelswerk“ gewesen sein.

Und bei Mathäus 17, 2-3 redet Jesus selbst mit Moses und Elia, die zweifellos beide im Reich der Toten oder im Jenseits sind.

Die meisten christlichen Nahtod-Skeptiker zitieren das Alte Testament, und zwar 3. Moses 19,31: man soll Totenbeschwörung und Wahrsager nicht aufsuchen, weil sie einen verunreinigen (Einheitsübersetzung). Nach jüdischer Tradition wird man schon allein dadurch verunreinigt, dass man einen Toten berührt, das ist ähnlich wie die Frau mit ihren „unreinen Tagen“. Es ist keines der zehn Gebote, sondern ein von Moses ausgesprochenes Gesetz. Ein Kapitel weiter, nämlich 3. Moses 20,27 steht der Satz, dass man Menschen mit einem Toten- oder Wahrsage-Geist zu Tode steinigen soll. Dies hat zu den zahlreichen Hexenverfolgungen und zu den Scheiterhaufen im Mittelalter geführt. Wie lange noch will man die Bibel wörtlich nehmen? Ich finde, wir sollten diese Geschichte endgültig in der Vergangenheit liegen lassen und nicht von neuem schüren. Dies ist NICHT die Botschaft des Christentums.

Es ist wahr: Man muss nicht alles, was angeblich aus dem Jenseits kommt, für bare Münze nehmen. Überall, wo Menschen berichten, gibt es auch eigennützige Motivationen und Irrtümer. Es macht Sinn, Berichte von esoterischen Medien miteinander und mit Nahtodberichten zu vergleichen, um sich eine Meinung bilden zu können. Das kann aber nicht so weit gehen, sich vollständig vor diesem Teil unserer erlebbaren Welt zu verschliessen und damit sich selbst, sein Wissensspektrum und seine Entwicklungsmöglichkeit zu beschränken.

Die Religionen haben eine göttliche Ursache. Aber ihre Bücher wurden von Menschen geschrieben, ihre Interpretationen, Dogmen und Ideologien wurden von Menschen geschaffen und haben daher ihre Irrtümer und Fehler. Und selbst wenn ein evangelikaler Christ sich darauf beruft, dass sich ihm Jesus oder Gott selbst geoffenbart habe, und auch wenn ein Pfingstler sich darauf beruft, mit der Zunge des Heiligen Geistes reden zu können, darf nicht daraus folgen, dass seine Ideologie oder die Ideologie seiner Glaubensgemeinschaft deswegen in allen Teilen, auch in Ansichten über Jenseits und Weiterleben oder über Gericht zwischen Himmel und Hölle, wahr sei oder gar die einzig wahre Ideologie sein muss.

Präexistenz

Für die oben genannten Glaubensrichtungen besteht nun allerdings eine hohe Motivation, Nahtod-Erfahrungen, die nun ja nicht mit ihrer Ideologie übereinstimmen, als „Teufelswerk“ abzutun. Damit schützen sie ihren Zusammenhalt und den Fortbestand ihrer Ideologie und ihrer Doktrin und vermeiden auch jeden Anlass, diese infrage zu stellen.

Oft berichten Nahtoderfahrene über das erlebte Gefühl, dass ein bestimmter Ort im Jenseits ihnen sehr vertraut und bekannt vorkam bzw. dass dies ihre eigentliche Heimat sei. Wenn dies nun stimmt, dann müssten diese Menschen ja schon einmal dort gewesen sein, und das ist nur vor ihrer Geburt möglich. Dies unterstützt die Hypothese der „Präexistenz“ der Seele, also einer vorgeburtlichen Existenz (nicht zwingend gleichbedeutend mit „Reinkarnation“). Die Lehre der Präexistenz von Geist und Seele wurde im frühen Christentum vom Kirchenvater Origines (185-254 n. Chr.) vertreten, aber 553 im 2. Konzil von Konstantinopel verworfen, das heisst durch Abstimmung von Bischöfen, also Menschen, für ungültig erklärt.

Unbeschreibbarkeit und das Gleichnis vom Elefanten

Was die Nahtod-Erfahrungen uns lehren: Der menschliche Geist ist, solange er an den Körper gebunden ist, zu klein, um das Wissen des Jenseits zu fassen. Viele Nahtod-Erfahrene ringen mit Worten und sagen, sie könnten das, was sie erlebt haben, kaum in Worte fassen, weil es keine Begriffe dafür gibt. Also können unsere ganzen Religionsphilosophien, die in menschlicher Sprache verfasst sind, auch niemals die ganze Wahrheit über Gott, unserer Bestimmung und das Jenseits wiedergeben.

Hier ist das Gleichnis des Elefanten angebracht, das aus Südasien stammt und in verschiedenen Versionen im Buddhismus, aber auch im Islam erzählt wird:

Elefant Blinde ThailandEin König befahl seinem Diener, sechs blinden Männern einen Elefanten zu zeigen. Danach fragte er die Blinden, was denn nun ein Elefant sei. Einer hatte das Bein des Elefanten betastet hatte und sagte, ein Elefant sei eine Säule, ein anderer hatte den Rüssel betastet und sagte, das sei ähnlich wie ein Ast, ein anderer hatte das Ohr befühlt und sagte, das sei ein Fächer, ein anderer hatte den Bauch betastet und sagte, das sei wie ein Kornspeicher, einer hatte den Stosszahn befühlt und sagte, das sei wie eine Pflugschar, der letzte hatte die Schwanzspitze getastet und sagte, ein Elefant sei ein Pinsel. Keiner dieser Blinden konnte erkennen, was ein Elefant wirklich ist. Solange wir also nicht selbst ins Jenseits blicken können und solange uns riesige Teile unserer eigenen Seele verborgen sind („Unterbewusstsein“), solange müssen wir vorsichtig sein mit der Verurteilung abweichender weltanschaulicher und religiöser Anschauungen.

Halten wir also nicht nur unsere Augen und Ohren offen, sondern auch unseren Geist, und seien wir offen für neues und andersartiges, es muss nicht automatisch falsch sein!

Lies weiter Konsequenzen für das praktische Leben

Schreibe einen Kommentar